Kapitel 3: KI im Herzen des Geschäfts – Operative und Commercial Excellence in der Praxis

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Wenn das Fundament steht, schlägt sich die Wertschöpfung in der Gewinn- und Verlustrechnung nieder. KI greift tief in die operative (Bottom-Line) und kommerzielle (Top-Line) Realität der Portfolio-Unternehmen ein.

Operative Exzellenz: Effizienzbooster für das EBITDA

In den operativen Kernfunktionen generiert KI die schnellsten, direkt EBITDA-wirksamen Beiträge. Der Weg dorthin führt über eine dreiphasige Process Excellence Roadmap:

  1. Phase 1 – Discovery:
    Kernprozesse werden durchleuchtet. Typische Potenziale nach Prozessbereichen stellen sich wie folgt dar:
    Order-to-Cash (15–25 Prozent), Purchase-to-Pay (10–20 Prozent), Lead-to-Order (25–35 Prozent) und Issue-to-Resolution (30–40 Prozent).
  2. Phase 2 (Monat 3–4) – Optimization:
    Einsatz der Automation Opportunity Matrix. Rein regelbasierte Prozesse mit hoher Frequenz werden über klassische RPA bzw. Skripte automatisiert. Komplexe, unstrukturierte Aufgaben (z. B. intelligente Dokumentenverarbeitung im Kundenservice) werden an GenAI-Modelle übergeben, wodurch sich der manuelle Aufwand um bis zu 80 Prozent senken lässt.
  3. Phase 3 (Monat 5–6) – Continuous Improvement:
    Zum Beispiel Aufbau digitaler Zwillinge (Digital Twins) für das Supply-Chain-Management, um mittels Predictive Analytics automatisierte Root-Cause-Analysen bei Lieferengpässen durchzuführen.

Wie KI den Multiple erhöht

KI kann den Unternehmenswert deutlich steigern. Der Multiple zeigt, wie viel ein Käufer bereit ist, für ein Unternehmen zu zahlen. KI wirkt hier wie ein zusätzlicher Werttreiber: Jede starke KI-Komponente erhöht den Unternehmenswert um einen weiteren Baustein.

Ein klassischer Werthebel liegt in der KI-getriebenen Working-Capital-Optimierung [17]. Durch die Verknüpfung historischer Unternehmensdaten mit externen Markt- und Wirtschaftsindikatoren via Machine-Learning-Modelle wird die Forecast-Genauigkeit in der Supply Chain um 25 bis 35 Prozent gesteigert. Das führt zu einer Reduktion der Lagerbestände um 15 bis 20 Prozent. Im Forderungsmanagement kombiniert ein Dynamic Credit Scoring Zahlhistorie, Branchenrisiken und Echtzeitsignale, während ein intelligenter Smart-Collections-Algorithmus die Kundenansprache automatisiert priorisiert. Dies führt zu einer Verkürzung des Cash Conversion Cycle.

Commercial Excellence: Umsatzwachstum und neue Geschäftsmodelle

Auf der Umsatzseite kann KI dazu genutzt werden, den Vertrieb von einer reaktiven Funktion in eine vorausschauende Wachstumsmaschine zu verwandeln.

Das Herzstück hierbei bildet eine moderne Customer Intelligence Platform, deren Architektur sich in Sprints umsetzen lässt. Abbildung 3 verdeutlicht dies an einem Praxisbeispiel.

 

Abbildung 3: Wie eine Customer-Intelligence-Platform in drei Sprints entsteht. Quelle: Deloitte

 

Praxisbeispiel: KI-personalisierte Patientenansprache als gezielter Multiple-Hebel in der Haltephase

Eine der größten Kinderwunschklinik-Gruppen im Portfolio eines PE-Investors nutzte bereits klassische digitale Marketinginstrumente wie SEO, Meta-Ads, Expertenvideos und digitale Patientenaufklärung. In der Haltephase entschied der Investor jedoch, die conversion-kritische Patient Journey durch ein KI-gestütztes Personalisierungsmodul gezielt aufzuwerten, um Top-Line-Wachstum, operative Effizienz und Exit-Fähigkeit systematisch zu steigern.

Nach jedem Erstkontakt in der Klinik wird die elektronische Patientenakte aktualisiert – einschließlich Diagnosen, Testergebnissen, empfohlener Behandlungsschritte, Medikationen und nächster Termine. Diese Aktualisierung dient als Trigger für ein voll personalisiertes, KI-generiertes Video, das dem Patienten unmittelbar zur Verfügung gestellt wird.

Das Video:

  • erläutert die individuelle medizinische Situation verständlich und patientengerecht,
  • visualisiert den empfohlenen Behandlungsplan,
  • reduziert Unsicherheiten in einem hochsensiblen Kontext,
  • stärkt das Vertrauen in die Behandlung und
  • beschleunigt die Entscheidungsfindung.

Im Gegensatz zu statischen Informationsmaterialien oder standardisierten Kommunikationsmaßnahmen passt die KI die Inhalte dynamisch an die individuelle Situation jedes Patienten an. Dadurch entsteht eine hochskalierbare Form personalisierter Betreuung, die sich ohne proportionalen Personalaufbau auf Tausende Patienten ausrollen lässt.

Der Effekt ist messbar und wirtschaftlich relevant: Die Conversion Rate in der Neukundengewinnung steigt um sechs Prozentpunkte, was zu einem zusätzlichen Umsatz im Millionenbereich führt. Gleichzeitig verbessert die automatisierte und personalisierte Patientenkommunikation die Auslastung medizinischer Kapazitäten und reduziert den administrativen Beratungsaufwand.

Darüber hinaus erzeugt jeder zusätzliche Patientenkontakt wertvolle Daten und verbessert die zugrunde liegenden Modelle kontinuierlich. Die Kombination aus klinischen Daten, Interaktionsmustern und Behandlungsergebnissen schafft einen proprietären Datenbestand („Data Moat“), der für Wettbewerber nur schwer replizierbar ist und die Qualität der Empfehlungen im Zeitverlauf weiter erhöht.

Da Gesundheitsdaten besonders sensibel sind, werden sämtliche Inhalte ärztlich validiert und unter strikter Berücksichtigung von Datenschutz- und KI-Governance-Vorgaben bereitgestellt. Dadurch wird KI nicht nur zum Wachstums-, sondern zugleich zum Vertrauensfaktor.

Für den PE-Investor ist diese Maßnahme ein klarer Multiple-Treiber: Sie demonstriert AI-enabled Growth, stärkt die Customer-Lifetime-Value-Mechanik, erhöht die Planbarkeit der Pipeline und schafft einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil durch proprietäre Daten. Gleichzeitig liefert sie einen sauber quantifizierbaren KI-Wertbeitrag, der im Exit-Prozess als Bestandteil der AI Equity Story präsentiert werden kann.

Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie KI nicht nur Effizienzpotenziale hebt, sondern nachhaltige Wettbewerbsvorteile schafft und damit unmittelbar zur Multiple Expansion beiträgt.

Darüber hinaus fungiert KI als Fundament für digitale Geschäftsmodelle. So werden beispielsweise traditionelle Industrieunternehmen in die Lage versetzt, ein „Product-as-a-Service“-Modell anzubieten. Ein Maschinenbauer verkauft dann nicht mehr die physische Anlage, sondern garantiert eine durch KI-basierte Predictive Maintenance abgesicherte Betriebsstunde. Gleichzeitig müssen PE-Häuser im Rahmen der Commercial Excellence permanent die Disruptionsträgheit des bestehenden Geschäftsmodells screenen, um das Asset vor KI-nativen Angreifern zu schützen.

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