Wie API-basierte Ökosysteme Geschäftsmodelle von Unternehmen verändern

Der rein technische Blickwinkel auf Application Programming Interfaces (API) ist einer neuen Perspektive gewichen: In einer mehr und mehr digitalisierten Wirtschaft werden APIs zum zentralen Enabler für den Auf- und Ausbau skalierbarer digitaler Geschäftsmodelle von Unternehmen. Das Potential ist riesig. Aus technischen Schnittstellen wird die Grundlage für globale digitale Wertschöpfungsnetzwerke.

Wer kennt nicht das Gefühl von Freiheit und Kreativität, wenn man vor einer großen Kiste mit unterschiedlichsten Lego-Bausteinen steht. Alles ist möglich. Gute APIs sind wie Lego-Bausteine, auf welche Entwickler für den Aufbau neuer digitaler Produkte und Dienstleistungen zurückgreifen können. Die schnelle und einfache Kombination der API-Bausteine beschleunigt die Entwicklungszeit und verkürzt damit die Time-to-Market signifikant.
Unternehmen wie FreeNow oder Uber haben den Vorteil bereits früh erkannt. Statt eigenständig Karten- oder Bezahlservices zu entwickeln, werden diese via API von externen Anbietern in die App eingebunden.
Dieser modulare Aufbau erlaubt es Entwicklern, sich auf die Weiterentwicklung der wettbewerbs-differenzierenden Kernprozesse zu fokussieren und unterstützende Funktionen an spezialisierte Dienstleister auszulagern („Micro-Outsourcing“). Ohne großen Mehraufwand können neue Features integriert und das eigene Kernwertversprechen gesteigert werden. Ein großer Vorteil in Zeiten knapper Entwicklungs-ressourcen. Dabei gilt: Je mehr Kompetenzen (Daten, Prozesse, Funktionen) eines Unternehmens intern über APIs ansprechbar sind, desto besser skaliert die Entwicklung von digitalen Produktinnovationen im Unternehmen.
Setzen Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Produkte konsequent auf die Nutzung von  skalierbaren APIs, entstehen im Ergebnis Null-Grenzkosteneffekte: Mit jedem neuen Aufruf des digitalen Produktes streben die variablen Kosten für die Bereitstellung gegen Null. Teilt ein Unternehmen den Zugriff auf seine eigenen (Kern-)Kompetenzen über APIs auch extern, wird zusätzlich die eigene Partnerfähigkeit gesteigert. Dritte können über die API die angebotenen Kompetenzen in die eigene Wertschöpfung integrieren. Eine Win-Win-Situation entsteht: Der Anbieter kann seine Dienste direkt oder indirekt monetarisieren. Der Nachfrager spart Kosten und gewinnt an Entwicklungsgeschwindigkeit.

Die Entstehung von API-Ökosystemen 

Im Gegensatz zur „analogen Welt“, in der Unternehmenspartnerschaften oft langjährige Anbahnungsprozesse vorausgehen, ermöglichen APIs ganz neue Formen von flexiblen Zusammenarbeitsmodellen (z. B. „Open Innovation“) im digitalen Raum. Ein Beispiel ist die Expedia Group: Der Anbieter von Reisedienstleitungen erlaubt Externen die Einbindung seiner Funktionalität in eigene Applikationen und erweitert so eine Marktdurchdringung. Aus Wertschöpfungsketten entstehen so flexible Netzwerke, in denen sich die verschiedenen Akteure in loser Kopplung zusammenfinden und gemeinsam wirtschaftliche Ökosysteme bilden.
APIs stehen im Mittelpunkt dieser digitalen Ökosysteme: sie erlauben den Marktteilnehmern einer Plattform, miteinander zu interagieren. Unternehmen bietet die Bereitstellung dieser digitalen API-Ökosysteme die Möglichkeit, sich auf ihre eigenen Kernkompetenzen zu konzentrieren.

Plattformen als Drehscheibe

API-Managementsysteme bilden den Kern von API-basierten Ökosystemen und den darunterliegenden Plattformen – z. B. interne wie externe API-Marktplätze oder Developer-Portale. Sie verbinden API-Anbieter und Nachfrager miteinander und stellen die Regeln und Prozesse (z. B. Monetarisierungs- und Abrechnungsfunktionen oder Dokumentation) bereit. So wird die Interaktion auf der technischen wie auch organisatorischen Ebene so einfach wie möglich gestaltet.
Angelehnt an den Begriff der User Experience (UX) z. B. im E-Commerce-Bereich hat sich der Begriff der Developer Experience (DX) als ein Haupterfolgsfaktor dieser Plattformen etabliert.  Sie misst den Grad des Komforts, mit dem Entwickler – als die Hauptnutzer – mit der Plattform und ihren APIs interagieren. Dabei ist es unwesentlich, ob die APIs unternehmensintern oder -extern geteilt werden.
Die Einfachheit der Teilnahme ermöglicht erst, dass sich um Plattformen Ökosysteme bilden. Je einfacher der Zugriff und je besser die Developer Experience, desto eher sind Entwickler bereit, eine API zu nutzen. Das Angebot wächst und Netzwerkeffekte machen sie attraktiver für weitere  Teilnehmer – sowohl nutzer- als auch anbieterseitig.

Die Gestaltung des digitalen Wandels

Bezogen auf Unternehmen haben APIs einerseits das Potential, die bestehenden Geschäftsmodelle zu optimieren (z. B. durch kürzere Entwicklungszeiten) oder andererseits zu erweitern (z. B. durch die vereinfachte Partnerfähigkeit und Ökosysteme). In Summe führt der konsequente Einsatz von APIs dazu, dass ganz neue skalierbare digitale Geschäftsmodelle entstehen.
Damit einher geht die Bildung von Wertschöpfungsnetzwerken und Ökosystemen, in denen Unternehmen mit komplementären und konkurrierenden Angeboten einfach zusammenarbeiten und gemeinsame Win-Win-Situationen schaffen. APIs ermöglichen den Zugang zu diesen Ökosystemen, die je nach Ausgestaltung an den Unternehmensgrenzen enden oder kontrolliert über diese hinausgehen können.
Etablierte Unternehmen wie Lufthansa, Mercedes-Benz oder Commerzbank gehen über ihre Developer-Portale bereits diesen Weg. Innovative Start-ups wie das FinTech Plaid verfolgen direkt eine „API-First-Strategie“: ihre Produkte sind APIs und die dahinterliegende, einfach integrierbare Software. Unternehmen, die an diesen Wertschöpfungsnetzwerken teilnehmen wollen, müssen eine Frage für sich beantworten:
Möchten sie bestehenden API-Ökosystemen beitreten oder ein eigenes API-Ökosystem etablieren, betreiben und ausgestalten?

Die Autoren:
Sebastian Strugholtz und Fabian Meise sind bei Arvato Systems – international agierender IT-Spezialist und Teil der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Arvato – für das Innovationsmanagement im Bereich digitaler Medienprodukte zuständig.

 

 


Prof. Dr. Roland Frank ist Dekan des Fachbereichs Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Innovationsmanagement und Digitalisierung.

 

 

 

Ihr Buch „Bausteine der digitalen Transformation – Wie APIs Unternehmen den Weg in die Programmable Economy ebnen“ ist 2021 bei SpringerGabler (ISBN: 978-3-658-35106-9) erschienen.